Anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Druckwerkstatt im Schloss Wolfsburg präsentiert die Städtische Galerie eine Ausstellung mit Arbeiten auf Papier des japanischen Künstlers Tatsuo Miyajima. Es ist die erste Übersichtsschau des grafischen Werks von Miyajima in einem deutschen Museum.
Der 1957 in Tokio geborene Miyajima ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler Japans. Bekannt wurde er vor allem durch seine Installationen mit digitalen Leuchtdioden. Die Arbeiten auf Papier sind für den Bildhauer und Installationskünstler ein wesentlicher Bestandteil seiner Praxis und stehen gleichberechtigt neben den installativen Arbeiten und Performances. Sie ergänzen sein komplexes Werk, das sich inhaltlich mit Konzepten der Zeit beschäftigt, ihrer (Un-) Berechenbarkeit und ihrer kulturellen wie existenziellen Dimension. Drei Überlegungen sind für ihn dabei von zentraler Bedeutung: „Hör niemals auf, dich zu verändern. Mach immer weiter. Verbinde Dich mit allem.“
Tatsuo Miyajima versteht Zeit als ein sich zyklisch wiederholendes und dabei stetig veränderndes Kontinuum. Die Zeit der realen Erfahrung existiert neben der Zeit der Erinnerung, des Traumes und der Zukunft. Miyajima will die durch Zahlen visualisierte „wirkliche“ Zeit und eine „imaginäre“ Zeit ineinanderschieben und dadurch die vertiefte Erfahrung der „true real time“ erreichen, wie er selbst sagt.
Wichtiger Bestandteil seiner Arbeiten sind Zahlen und Zahlenreihen. Diese Zahlen, die in kontinuierlichen und sich wiederholenden – wenn auch nicht unbedingt aufeinanderfolgenden – Zyklen von 1 bis 9 erscheinen, stellen die Reise vom Leben in den Tod dar, deren Endgültigkeit durch ‚0‘ oder den Nullpunkt symbolisiert wird, der folglich nie in seinem Werk erscheint.
Anlässlich dieser Ausstellung ist es zum zweiten Mal überhaupt, dass Tatsuo Miyajima eine Wandzeichnung realisiert. Darauf sind wir sehr stolz und danken dem Künstler für sein Vertrauen. An der großen Wand im ersten Raum ist nach den Worten Miyajimas „ein Mandala des Lebens“ entstanden. Die unzähligen Zahlen, die mit zufälliger Anordnung in Reihen an der Wand verteilt sind, „sind eine Sammlung von unzähligen Leben“. Der Künstler hat uns die Konzeption sowie eine genaue Beschreibung übermittelt, ausgeführt wurde die Arbeit „Innumerable Counts“ von Anna Maria Meyer.
Innumerable Counts Series
In der Werkserie „Innumerable Counts“ repräsentiert jede Zahl einen Moment im Zählzyklus von 9 bis 1. Die Leerstelle in der potentiell unendlichen Zahlenreihe repräsentiert die Zahl Null, die in Miyajimas Werk nicht erscheint. Der Künstler versucht in diesen Arbeiten Momente in Zählzyklen unzähliger Zahlen zu erfassen. Die unzähligen Zahlen (Innumerable Counts) vergegenwärtigen für Tatsuo Miyajima das Leben. Die Spiralen oder Linien der Zeichnungen sind so Ausschnitte aus einem größeren Zusammenhang, aus unzähligen Momenten der Zeit. Zu der Serie gehören auch die beiden ungewöhnlichen Arbeiten auf Kimonostoff im hinteren Raum.
Kũ Drawing Series
Kũ steht in der Tradition des Zen für die Leere (Kũ ist die Transkription des Sanskrit-Wortes sunyaoder sunyata, wörtlich übersetzt „Leere“). Tatsuo Miyajima schildert, wie er diese Zeichnungen schuf, im Zustand von Kũ, mit einem Stift in seiner Hand, die Augen geschlossen: Die Linien aus meinem Unterbewusstsein zeigen meine Zeit in der Leere. Die im Titel angegebene Länge der Zeit, wie beispielsweise 15 Minuten, beschreibt den Zeitraum, in dem ich in einem veränderten Geisteszustand war, mit geschlossenen Augen. Die Leere (Kũ) in der Count Down Drawing Serie wurde ebenfalls auf die gleiche Weise erstellt, mit geschlossenen Augen.
Counter Object – 000
Eine große Ziffer aus farbigem Spiegelglas leuchtet von der hinteren Wand in die Ausstellung. Die Ziffer wurde mit einem Würfel nach dem Zufallsprinzip bestimmt und installiert. Periodisch wird sich diese Ziffer ändern und eine neue Ziffer erscheinen. Der Spiegel lässt uns erkennen, dass wir in der Erscheinung der Wirklichkeit nur uns selbst spiegeln. Wir sehen die Gesetze der Natur nur durch unsere aktuellen wissenschaftlichen Modelle. Miyajima führt uns die Begrenztheit dieses Systems vor Augen: es gibt nur 9 Ziffern, um eine unendlich große, nicht greifbare Wirklichkeit einzufangen. Was wir erkennen, ist nur ein kleiner zeitlicher Ausschnitt.
Wichtige Werke von Tatsuo Miyajima sind u.a. vertreten in den Sammlungen der Tate Gallery London, der Bayerischen Staatsgemäldesammlung München, der La Caixa Barcelona, der Deste Foundation Athen, dem Museum of Contemporary Art Chicago, im Museum of Contemporary Art Tokyo, dem Leeum Seoul, dem Kunstmuseum Bern und dem M+ in Hong Kong. Die Städtische Galerie Wolfsburg besitzt Grafikarbeiten von Tatsuo Miyajima.
Wir danken dem Lüneburgischen Landschaftsverband und der Buchmann Galerie Berlin für die freundliche Unterstützung.
