Porschestraße 60

Utopische Räume und Verweise auf technisches Gerät verweben sich in der Arbeit von Astrid Busch, die eigens für das Schaufenster in der Porschestraße 60 entstanden ist. Die raumgreifende Collage zeigt ein Wechselspiel von Vision und Wirklichkeit, von Errungenschaft und Fortschritt und nimmt in assoziativer Weise Bezug auf die technischen Entwicklungen der Autoindustrie in Wolfsburg. Die Künstlerin überschreibt Fundstücke mit der eigenen fotografischen Arbeit. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Atmosphärischem und Architektonischem, zwischen stimmungshafter Unbestimmtheit und kompositorisch fest Gebautem.

Fotografien sind der Ausgangspunkt von Astrid Buschs Arbeiten. Sie verwendet eigene Fotos, recherchiert in Archiven und Antiquariaten, sowie im Internet. Dann baut sie im Atelier Settings, in denen die Materialien in verschiedenen Schichten arrangiert, besprüht und beleuchtet oder auch eigene Videoaufnahmen auf das Setting projiziert werden. Erst dann erfolgt die fotografische Aufnahme. Es entsteht der Eindruck, dass es sich um Momente aus einem sich kontinuierlich verändernden Geschehen handelt. Fotografie wird zum Arbeitsmaterial, mit dem sie Bildideen und Raumkonzepte umsetzt. Die Besucher* innen tauchen in Rauminszenierungen ein, die sich aus dem Zusammenspiel von Form, Farbe und Licht, von Hell und Dunkel und von Fiktion und Wirklichkeit entwickeln. Es entsteht ein Schwebezustand zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, sowie zwischen Statik und Bewegung.


Interview mit Astrid Busch

Susanne Pfleger: Astrid – die Installation „Porschestraße 60“ setzt sich mit der Stadt Wolfsburg auseinander. Was hast Du hier beobachtet und welche Eindrücke fließen in diese Arbeit ein?

Astrid Busch: Für das Schaufenster in der Porschestraße 60 habe ich eigens eine Arbeit entwickelt, die in assoziativer Weise Bezug auf die technischen Entwicklungen der Autoindustrie in Wolfsburg nimmt. So begegnet uns z.B. der überdimensionale Golf am Straßenrand direkt bei der Ankunft in der Stadt. Viele Flächen in Wolfsburg werden noch für den ruhenden Verkehr genutzt, ein Umdenken hierüber gibt es bereits. So ist die Autoindustrie neben den vielen interessanten architektonischen Highlights der Stadt, zu denen ich parallel ebenfalls Arbeiten entwickle, sehr präsent. Ich habe eine Installation konzipiert, die aus architektonischen Fragmenten von Parkhäusern, Autoteilen und anderen technischen Gerätschaften zu einer wandfüllenden Arbeit zusammengeführt wurde. An die Grenze zur Abstraktion geführt, lassen sich die einzelnen Bildelemente kaum mehr entschlüsseln.

Susanne Pfleger: Wie entstehen Deine Arbeiten?

Astrid Busch: Ich verwende eigene Fotografien, die an den jeweiligen Orten entstehen und sammle verschiedene Materialien, die ich als relevant für ein bestimmtes Thema erachte. Für Wolfsburg habe ich mich in Bezug zur Autoindustrie auf metallische Materialien konzentriert. Ich recherchiere aber auch in Archiven und Antiquariaten oder im Internet nach Bildmaterial. Dann baue ich im Atelier Settings, in denen die gesammelten Materialien in verschiedenen Schichten arrangiert, besprüht und beleuchtet werden. Erst dann erfolgt die fotografische Aufnahme. Meine Bilder entstehen durch das Überlagern verschiedener Materialien und Bilder und somit unterschiedlicher Zeitebenen. Die Gesamtkomposition eines jeden Bildes steht im Vordergrund.

Susanne Pfleger: Ist es das erste Mal, dass Du eine Installation für ein Schaufenster gemacht hast? Was ist das Besondere an dem Raum Schaufenster?

Astrid Busch: Ich habe bereits mehrere Werke in Schaufenstern und somit im öffentlichen Raum von Städten gezeigt. Aktuell präsentiere ich eine Arbeit in einer vergleichbaren, nicht begehbaren und nur von außen einzusehenden Raumsituation: in der Künstlerloge in Ratingen bei Düsseldorf. Dort zeige ich in dem 15 Meter langen Gebäude eine wandfüllende Collage, die sich auf den ehemaligen Standort der Firma Calor Emag bezieht, einem Hersteller von Schaltkammern.
Im Frühjahr 2021 zeigte ich eine Installation in den Fenstern der Heinrich-Böll-Bibliothek in Berlin. Hier war der temporäre Kunstraum Korn, kuratiert von Dirk Teschner, untergebracht. Ich bezog mich in meiner Installation auf die Architektur von Roland Korn, der neben bekannten Gebäuden wie das Haus des Reisens in Berlin auch das Wohnhaus entworfen hat, in dem die Bibliothek heute untergebracht ist.
Das Besondere an einem Schaufenster mit großem Fensterraum ist die Präsenz der Arbeit rund um die Uhr und die Irritation, die eine solche Installation an einem ungewöhnlichen Ort, an dem üblicherweise keine Kunst erwartet wird, auslösen kann. Ich finde es sehr reizvoll, die Kunst in den Alltag zu bringen, die Menschen damit zu konfrontieren und Reaktionen der vorübergehenden Passant* innen wahrzunehmen.


Süddeutsche Zeitung vom 27. Mai 2021

Liebeserklärung ans Licht

Von Evelyn Vogel

Die Künstlerin Astrid Busch übersetzt Architektur in Kunst

Natürlich kann man die Arbeiten rückwärts entschlüsseln. Sie Schicht für Schicht visuell abschälen, bis man bei der Architektur landet. Etwa so, wie man ein altes Haus bis auf die Grundmauern entkernt. Was zu Tage träte? Planstädte wie Mezamor in Armenien, die einst für die Arbeiter des nahegelegenen Kernkraftwerks gebaut wurde. Oder Brasilia, die ungleich berühmtere von Oscar Niemeyer. Man würde zum Kern des Werks vordringen, würde die für Planstädte charakteristischen Formen offenlegen. Und man würde meinen zu verstehen, was die Arbeiten von Astrid Busch mit Architektur zu tun haben.

Und doch würde man sich selbst um das Vergnügen am Kunstwerk betrügen. Denn wie so oft ist auch bei den vielschichten fotografischen Werken von Astrid Busch, die unter dem Titel „weder Wüste noch Wald“ im Kunstraum zu sehen sind, das Ergebnis weit mehr als die Summe seiner Einzelteile. Erst durch die Überlagerung der Schichten, das Zusammenspiel von Formen, vor allem von Licht, Schatten, Stimmung und Farbe gewinnen die Arbeiten ihren Reiz.

Aus dem zugrunde liegenden fotografischen Material – eigenem wie fremdem – sowie vor Ort gesammelten Fundstücken baut Busch „Settings“, wie sie es nennt. Erst davon entstehen die eigentlichen Aufnahmen. Darin überlagern sich die Zeitebenen, werden Gebrauchsspuren der Materialien sichtbar, die Atmosphäre und Energie transportieren, und deren kompositorische Aspekte Geschichten rund um die Architektur erzählen.

Einige dieser so entstandenen Arbeiten hängen als klein- und mittelformatige Fotos im Kunstraum und wirken wie komprimierte Bilder. Andere hat Busch großflächig auf Papier projiziert und Wände damit tapeziert, so dass die Strukturen eine stark räumlich-architektonische Wirkung erzielen. Eine weitere Arbeit hat sie auf Stoff gedruckt und als raumfüllende Plastik ausgebreitet. Zusätzlich überblendet sie die Räume mit schemenhaften Strukturen. Und dann gibt es noch stark abstrakt wirkende, gewebte Bildobjekte, deren haptisches Moment sich erst beim Nähertreten offenbart, ebenso wie bei der Arbeit auf Japanpapier, die so federleicht an der Wand zu schweben scheint.

Auch deshalb wäre es nicht ganz richtig, Astrid Busch, obschon sie fotografisch arbeitet, nur als Fotografin zu bezeichnen. Die in Berlin und Düsseldorf lebende Künstlerin hat an der Kunstakademie in Nürnberg und an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert und ist Meisterschülerin von Katharina Grosse. Von deren malerischen, raumsprengenden Farbarbeiten mag Astrid Busch inspiriert sein. Ihre Bildsprache aber ist eine eigene.

Zeitraum: 25.01.2022 – 06.03.2022

Künstler*innen: Astrid Busch