Informel, das / Stil, der – Das Schweigen der Bilder als stupide Zumutung oder Die Sprachlosigkeit

Der in Berlin lebende Künstler Michael Müller (* 1970) wurde eingeladen, eine persönliche Auswahl aus den Beständen der Sammlung der Städtischen Galerie Wolfsburg zu treffen und die gewählten Werke zwei Jahre lang im Westflügel des Schlosses für das Publikum zu inszenieren. Michael Müller hat sich entschlossen, nicht nur eine Ausstellung zu zeigen, sondern die Sammlung in mehreren aufeinanderfolgenden Fassungen und wechselnden Kontexten zu präsentieren, die verschiedene formale wie inhaltliche Schwerpunkte setzen. Die einzelnen Fassungen sind bisweilen exzentrisch und äußerst „werkhaft“ kuratiert. Sogar die Ausstellungsräume wurden von Michael Müller und seinem Team nach und nach bis ins kleinste Detail verändert.

Die vierte Fassung der Ausstellungsreihe „DEINE KUNST“ trägt den Titel „Informel, das / Stil, der – Das Schweigen der Bilder als stupide Zumutung oder Die Sprachlosigkeit“. Der erste Teil des Titels „Informel, das / Stil, der“ verweist auf eine formale Referenz: Die kunsthistorische Einordung von Stilen und Kunstrichtungen mittels Definitionen im Lexikon.

Die informelle Kunst stellt eine wichtige Richtung in der bildenden Kunst nach 1945 dar und bildet einen Schwerpunkt im Sammlungsbestand der Städtischen Galerie Wolfsburg.
Der Faschismus hatte progressive künstlerische Tendenzen in Europa zum Stillstand gebracht. Verfolgung, Verfemung, Vertreibung oder gar Ermordung von Künstler* innen erforderte eine radikale Neuorientierung. In der Abwendung von Form, Darstellung und Theorie standen nun Material, Zeichen und Geste im Mittelpunkt. Das gestische Malen und Zeichnen als Akt des Aufbruchs sowie der individuellen und künstlerischen Befreiung entwickelte sich zeitgleich in Europa und Amerika. Und so gibt es viele Überschneidungen innerhalb der Bewegung mit unterschiedlichen Begrifflichkeiten für diese Stilrichtung, die ständig erweitert wurde: „Tachismus“, „Abstrakter Expressionismus“, „Action Painting“, „Informel“ oder einfach nur „Un art autre“.

Bedeutende Vertreter und Wegbereiter dieser Kunstrichtung sind Künstler wie Peter Brüning, Karl Fred Dahmen, Karl Otto Götz, Fred Thieler, Hann Trier, Emil Schumacher und Bernard Schultze, die mit Grafiken und Gemälden in der Sammlung der Städtischen Galerie Wolfsburg vertreten sind.

In diesem Kontext hat Michael Müller mit einzelnen Vertretern des Informel Künstlerräume geschaffen. Doch auch dieses Mal ist die Präsentation nicht störungsfrei. Darauf weist der zweite Teil des Titels hin. Nachdem in der dritten Fassung „DEINE KUNST“ die Themen Signatur, Original und Zitat im Mittelpunkt standen, fehlen nun in der daran anschließenden Fassung jegliche Hinweise und Verweise auf die Künstler: „Das Schweigen der Bilder als stupide Zumutung oder Die Sprachlosigkeit“. Der Künstlerkurator Michael Müller lässt die Kunstwerke für sich sprechen und entzieht sie der didaktischen Beschreibung sowie der kunsthistorischen Zuordnung, eine stupide Zumutung!

In der Ausstellung sind Werke zu sehen von:
Peter Brüning, Carl Buchheister, Emil Cimiotti, Karl Fred Dahmen, Jean Dubuffet, Karl Otto Goetz, Hans Hartung, Gerhard Hoehme, Henri Michaux, Emil Schumacher, K.R.H. Sonderborg, Pierre Soulage, Bernard Schultze, Fred Thieler, Mark Tobey, Hann Trier, Fritz Winter, Wols aber auch von Michael Müller und Gerhard Richter.

Michael Müller hat die Werke der Sammlung noch durch Leihgaben ergänzt, wir danken der Sammlung Bergmeier sowie der Galerie Nothelfer Berlin für die Unterstützung.

Nachdem bereits in den vergangenen Fassungen wenige Künstlerinnen vertreten waren im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen, wundern Sie sich nun wahrscheinlich, dass in der vierten Fassung ausschließlich Künstler vertreten sind. Das mag daran liegen, dass die sichtbare Zahl von Künstlerinnen im wertkonservativen Nachkriegsdeutschland generell sehr klein war. Sie nahmen zwar das Studium an der Kunsthochschule wieder auf, wählten allerdings weniger die Freie Kunst als vielmehr ein Studium für das Lehramt. Ausstellungen mit Kunstlehrerinnen waren eher rar und damit auch die Aufmerksamkeit für sie. Deshalb sind auch in der informellen Kunst – und nicht nur dort – generell sehr wenig Frau vertreten. Erst die aktuelle Debatte um dieses Ungleichgewicht scheint langsam etwas in Bewegung zu setzen. So gibt es Museen, die über einen gewissen Zeitraum ausschließlich Künstlerinnen präsentieren wollen oder die Rolle der Frauen in der Kunst beleuchten. Die Lücke lässt sich allerdings – gerade auch in Sammlungen – nicht mehr schließen. Doch der Blickwinkel kann verändert werden und genau deshalb wird dazu viel, leidenschaftlich und offen diskutiert.

Die Eröffnung der nächsten und fünften Fassung ist für den 12. September 2020 geplant.

Und hier geht es zum Künstlerprojekt und der Website „DEINE KUNST“:
[www.deinekunst.art][1]

[1]:http://www.deinekunst.art/

Zeitraum: 26.05.2020 – 09.08.2020

Künstler*innen: Michael Müller