Die Städtische Galerie Wolfsburg wurde am 20. Oktober 1974 im Schloss Wolfsburg eröffnet. Aus Anlass des 45-jährigen Jubiläums haben wir den in Berlin lebenden Künstler Michael Müller (* 1970) eingeladen, eine experimentelle Neupräsentation der Sammlung zu kuratieren. Der Künstler zeigt den Ausstellungszyklus „DEINE KUNST“, der sich über den Zeitraum von zwei Jahren erstreckt und die Sammlung in mehreren aufeinanderfolgenden Fassungen vorstellt. Es werden dabei verschiedene formale wie inhaltliche Schwerpunkte gesetzt.
Die einzelnen Fassungen sind bisweilen exzentrisch äußerst „werkhaft“ kuratiert. Als Künstler kann Michael Müller im Gegensatz zur Museumskurator* in anders argumentieren, er kann Grenzen überschreiten und museale Verhaltensmuster ausheben. Ziel ist, statt einem Präsentieren der Sammlungsschätze, eine Auseinandersetzung mit den Mechanismen des Ausstellens sowie dem Verhältnis zu Ausstellungsort und dem Ausstellungsraum.
Der Ausstellungsraum im Schloss Wolfsburg baut im Gegensatz zum Raum eines klassischen Museums eine besondere Spannung auf. Die Räume stellen ein konträres Modell zum „white cube“ dar, denn es handelt sich um Wohn- und Repräsentationsräume, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts das Heim der Familie der Grafen von der Schulenburg waren.
Bis ins kleinste Detail wurden die Ausstellungsräume von Michael Müller und seinem Team verändert. Die Wände der Räume sind nun mit silbergrauem Tuch bespannt, der Boden mit Teppich ausgelegt. Im Treppenhaus hallt ein Echolot einsam – wie auf der Suche nach einem Sinn. (Ein Echolot dient der Navigation auf See und der Vermessung der Tiefe des Meers. Schallimpulse werden ausgesendet, reflektiert und zu ihrem Ausgangspunkt zurückgeworfen.)
In der nun vorgestellten dritten Fassung der Reihe mit dem Titel „DEINE KUNST: The Conditions of Being Art (oder der Amateur)“ nimmt der Amateur Michael Müller die ausgewählten Werke aus den Beständen sowie Leihgaben zum Anlass, mit den Bedingungen und Möglichkeiten des Ausstellens zu experimentieren, einzelne Parameter zu isolieren, zu untersuchen und zu variieren. Es finden sich also neben den Werken der Sammlung auch zahlreiche Leihgaben sowie Werke des Künstlers.
Zu Beginn der Ausstellung – noch im Südflügel – empfängt Sie ein Museums-Shop „An- und Verkauf“. Leider ist dieser vorrübergehend geschlossen. Denn der Shop wird als künstlerische Intervention geführt, ein Versuchsmodell, das zu Diskussionen über Sinn und Unsinn der Shops und die Kommerzialisierung der Museen anregt. Trotz des Konsumverzichtes dürfen einzelne Dinge – wie beispielsweise die T-Shirts – aus dem Shop genommen werden: Einfach überziehen und ein Selfie mit „DEINE KUNST“ machen.
In der Ausstellung im Westflügel unterläuft dann Michael Müller stetig unsere Erwartungen, so wird beispielsweise statt eines Grafikblattes allein die Signatur gezeigt, um die Frage der Autorschaft aufzuwerfen. Michael Müller sind inhaltliche Überlegungen wichtig, Themen und Thesen, die sich von Zuordnungen frei machen und uns dadurch neue Möglichkeiten eröffnen mit unseren Exponaten umzugehen.
Unter anderem werden die Fragen gestellt:
Wie werden Kunstwerke präsentiert?
Wie beeinflussen der Raum und das Umfeld die Werke?
Gibt es ein „Gesetz der guten Nachbarschaft“, das heißt, finden Werke im Ausstellungsraum automatisch zueinander oder sind alle Werke „der Todfeind“ aller anderen?
„The Conditions of Being Art (oder der Amateur)“ stellt damit – wie der Ausstellungszyklus im Ganzen – die Frage nach dem ebenso komplizierten wie faszinierenden Zusammenhang der Werke untereinander sowie nach dem Verhältnis von Werk und Künstler, Künstler und Kurator, Kurator und Publikum, die sich in vielfältiger Form in den Räumen der Ausstellung begegnen. Diese Ausstellung nimmt Sie als Besucher* innen sehr ernst, egal welche Vorbildung Sie mitbringen, Sie werden selbst Fragen stellen und Ideen entwickeln. Das Denken wird in neue Bahnen gelenkt und die Städtische Galerie kann als einzigartiges Medium genutzt werden, um Erfahrungsräume anderer Art zu öffnen. Fast spielerisch können wir mit der Unterstützung von Michael Müller ausloten, was die Städtische Galerie eigentlich sein soll, was sie ist und was sie werden muss.
Und hier geht es zum Künstlerprojekt und der Website „DEINE KUNST“:
[www.deinekunst.art][1]
[1]:http://www.deinekunst.art/
